tjards, landshut – germany

Das unfassbare Glück, ein Stück Natur zu besitzen.

Normalerweise ist er nur am Wochenende für mich da. In den Corona-Wochen habe ich ihn ganz anders wahrgenommen. Zum ersten Mal habe ich die Entwicklungsschritte des Jahres nicht im Wochenrhythmus wahrgenommen, sondern täglich. Das war schön und neu.
Es ist ein Luxus, über einen eigenen Garten zu verfügen. Und dieser Frühling war dieser Luxus so greifbar und offensichtlich, wie nie zuvor. Schon immer tut es mir leid, wenn Menschen diesen Luxus vor ihrer Haustür nicht wahrnehmen und den Garten als Aufwand betrachten. Es ist eine Gnade, Pflanzen richtig einsetzen und die Gestaltungsregeln verinnerlicht zu haben. Doch, um den Garten genießen zu können,  muss man das gar nicht können. Man muss sich nur von der Angst befreien, man müßte auf seinem Grundstück die Erwartungen der Anderen erfüllen. Wer das schafft, hat die Chance auf perfekte Entspannung, auf Entschleunigung und Genuss. Garten ist nicht Arbeit, sondern Meditation. Beim Arbeiten mit Pflanzen, beim Gestalten mit der Schere, fährt der Kopf herunter.
Leider ist es den wenigsten vergönnt, diese Dimension zu genießen. Zu stark sind die Vorurteile, zu stark die vermeintlichen Verpflichtungen, zu weit entfernt die persönlichen Erfahrungen, um sich einer neuen Sicht zu eröffnen. Wer es schafft, gewinnt ein grandioses Stück Lebensqualität.
Mein Garten ist Versuchsgarten, Fotomodell, Naturerlebnisraum und Speisekammer zugleich. Mal ziehe ich seltene Pflanzen aus Samen, mal kultiviere ich Essbares, oft bin ich nur Beobachter. Die Leute begrüßen mich, ob der Üppichkeit der Pflanzen mit „Oh, das ist aber viel Arbeit“ und wundern sich dann, wenn Ich verneine. Ich frage mich nicht, was meine Nachbarn denken. Der Garten ist für mich und meine Familie. Auf den läppischen 750m2, abzüglich der Grundfläche des Hauses, tut sich ein Paradies auf, das einem viel größeren Garten zur Ehre gereichen würde. 6m Höhenunterschied von der Straße bis zum Nachbargarten ermöglichen sonnige Terrassen, Wein und Trockenmauern, schattige Waldbereiche, viele Hecken, zahllose Stauden und heimische Pflanzenarten. Er ist organisch gewachsen, folgt dem sich sukzessive verändernden Plan eines Gestalters und ist dadurch in sich schlüssig. Vom höchsten Punkt reicht der Blick über das Isartal ins Tertiäre Hügelland.
Die Sonne verwöhnt den Hang und die Pflanzenauswahl verträgt die Hitze, die dieses Frühjahr schon im April begann.
Immer wieder versuche ich das Gefühl, den ein solcher Garten vermittelt, vielen Menschen näher zu bringen. Mein Garten hat mit den Stein- und Gabionenwüsten, mit den Rasenflächen wie Fussballplätzen und den sterilen Kirschlorbeerhecken der Vorstadtsiedlungen nichts gemein. Das sind keine Gärten, das ist hilfloses Abstandsgrün. Zuletzt verschwand daraus auch das Grün und wurde zu Abstand, zu Abstand von Natur und Verantwortung. Das habe ich in #DerKiesmussweg dargelegt.
Es lässt sich vermuten, dass die vielen Wochen zuhause viele Menschen ins Grübeln gebracht haben. Und die Hoffnung stirbt zuletzt, dass Viele offener dafür geworden sind, den Vorteil, ein Grundstück zu besitzen, auch wirklich zu ihrem Vorteil zu nutzen und das erleben zu können, was ich erlebe.

Tjards Wendebourg (54) ist mit Garten aufgewachsen. Der Rheinländer – in Düsseldorf geboren und in Köln aufgewachsen – hat die Liebe zu den Pflanzen mit der Muttermilch aufgenommen und mit 17 angefangen, Gärten zu gestalten. Nach einem Studium zwischen Gartenbau und Landschaftsarchitektur an der Uni Hannover hat er mehr als 10 Jahre mit der „Planungsgruppe Digitalis“ vornehmlich Privatgartenbesitzer (m/w/d) beraten. Seit 2001 ist er beim Ulmer Verlag in Stuttgart für den GaLaBau zuständig. Derzeit ist er als Redaktionsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung für zehn Magazine im grünen Bereich verantwortlich und schreibt zwischendurch auch mal ein Buch.

Tjards Wendebourg
Redaktionsleiter Gemeinschaftsredaktion
GaLaBau/Gartenbau/Kommunal/
Landschaftsarchitektur
Verlag Eugen Ulmer
Mobiler Account
Tel.: 0049 1773204417
twendebourg@ulmer.de

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