christine, dachau – germany

Auf das neue Jahr hatte ich mich diesmal besonders gefreut. Nach Problemen mit einem Fuß konnte ich endlich wieder laufen und wollte nachholen, was ich die letzten beiden Jahre versäumt hatte.

Als Covid-19 auftauchte, ging ich zuerst davon aus, dass es sich wie SARS verhalten würde. Ich machte mir weniger Sorgen um mein Leben hier, sondern eher um den bereits gebuchten Japan-Urlaub im Mai/Juni. Wie hatte ich mich auf Tokyo und Kyoto gefreut, auf deren Gärten, die vielen mir noch unbekannten Pflanzen … den Bambuswald von Arashiyama. Ich darf gar nicht darüber nachdenken. Es wurde natürlich nichts daraus, weshalb ich mich umso mehr auf mein eigenes Grünzeug und die Umgestaltung unseres Gartens konzentrierte.

Ich bestellte ein kleines Tomatenhaus, plante mein Gemüse und kämpfte mich durch zahlreiche Gartenbücher. Man glaubt gar nicht, was auf 55 qm alles Platz hat. Damit man mich nicht falsch versteht, 55 qm Gartenfläche! Das Gewächshaus hat nur 2 qm …! Ich gärtnere auf kleinem Niveau, wir haben ein Reihenmittelhaus in der Stadt, eine Art Turm mit grünem Handtuch dahinter.

Die Probleme begannen für mich so richtig als die Baumärkte und Gartencenter in Bayern schlossen.

Den Zierkies für den kleinen Platz vor dem Gewächshaus konnte ich online nicht bestellen, auch eine Abholung war nicht möglich. Den Schotter für das Fundament bekamen wir zwar geliefert, aber um einen Kontakt zwischen dem LKW-Fahrer und uns zu vermeiden, lud man die Säcke vor der Garage ab, die natürlich nicht direkt neben unserem Garten steht. Viele Säcke!!! Wir sehen jetzt vor lauter Muskeln ein bisschen aus wie Popeye …! Ein paar Tage später schleppten wir unsere bereits im Wohnzimmer zusammengebauten Gewächshausteile in den Garten. Umsonst … wie sich herausstellte, denn zwei Bretter des Unterbeets waren in sich verbogen. Der Hersteller schickte neue Teile los und wir warteten …! Die Tage vergingen, die Wochen vergingen … unser Paket hing im Paketzentrum Günzburg fest. Es bewegte sich sagenhafte 6 Wochen nicht vom Fleck. Dafür öffneten die Baumärkte wieder und wenig später auch die Gartencenter. Wir gehörten zu den ersten Kunden am Morgen. Bewaffnet mit Maske, Gummihandschuhen und Desinfektionstüchern orderten wir unseren Zierkies. Nun ja, ohne Anhängerkupplung kein Anhänger. Mein Mann fuhr also 8x die Strecke Baumarkt – Haus! Ich bewachte in dieser Zeit den Zierkies auf 3 Einkaufswägen. Es waren nämlich die letzten Säcke dieser Farbe und bevor die dann weg sind … ja weiß man‘s? Eigentlich wollte ich mein Gemüse in ausgewählten Gärtnereien bestellen. Aber 6 Wochen Paketzentrum hält wohl kaum ein Pflänzchen aus, weshalb ich sie dann im Schnellverfahren vor Ort kaufte. Ich nahm sogar noch Samen mit. Zur Not könnten wir Obst und Gemüse auf der Dachterrasse züchten und zum Selbstversorger werden.

Ein paar Sekunden hatte ich sogar an ein Huhn gedacht! Man braucht ja auch ein paar Eier, nicht?

Nun… der Garten war mein Rückzugsgebiet. Vor Covid-19! Jetzt ist er es nicht mehr so ganz, denn um mich herum sind auf einmal die ganzen Nachbarn. 24 Stunden täglich! Fast alle arbeiten im Homeoffice. Da wird beruflich auf den Terrassen mit Freisprecher telefoniert, die Kinder langweilen sich, weil ebenfalls daheim, es wird gestritten, die Türen knallen und ich kenne mittlerweile den Musikgeschmack sämtlicher Nachbarn, den ich nicht immer teile.

Ich vermisse die ruhigen Stunden, die Zeit, in der ich sonst alleine im Garten bin. Mir fehlt das Rauschen der Blätter im Wind, der Gesang der Vögel und das Brummen der vielen Hummeln. Ich mag es leise und im Moment ist es mir einfach viel zu laut. Die ganzen verschiedenen Stimmen und Geräusche gleichzeitig …! Ich schreibe Gedichte, aber die letzten Monate herrschte in meinem Kopf gähnende Leere. Sonst purzeln die Worte und Sätze einfach in den Füller …! Draußen laut, in mir Stille. Ich sehne mich nach Ruhe, Normalität. Bis dahin werde ich mir wohl Stöpsel in die Ohren stecken und in meinem geliebten grünen Dschungel untertauchen. Denn alles hat seine Zeit, alles geht vorbei.

Christine Jänchen, Hobbygärtnerin aus Leidenschaft, lebt mit ihrem Mann auf einem kleinen Flecken Grün in Dachau. Sie schreibt Gedichte und schiebt ihre grüne Augenfarbe auf die Liebe zu ihrem Grünzeug. (Die Kleine im Bikini bin ich. Sie zeigt mich 1977, da legte mein Vater gerade einen Schrebergarten
an.)

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