peter, rheinland – germany

Ein historischer Frühling

Was für ein Frühjahr! Der wärmste April seit Beginn der Wetteraufzeichnung, kaum Regen, vielmehr strahlender Sonnenschein, früher Austrieb und frühe Blüte, … und vor allem: Nie war ich im Frühling so oft und so lang in unserem Garten – nicht nur am Abend und am Wochenende, sondern täglich. Stundenlang! Ein ausgedünnter Terminkalender, stark reduzierte Sozialkontakte und vor allem die neue Disziplin Home office haben dafür gesorgt, dass der Garten intensiver denn je genutzt wurde. Und das galt nicht nur für mich: Die studierenden Kinder sind vorübergehend wieder nach Hause gezogen – es fanden eh keine Vorlesungen mehr statt und ein WG-Zimmer ohne Balkon ist bei wunderbarem Wetter in Zeiten weitreichender Kontaktbeschränkungen alles andere als angenehm. Wir haben draußen gegessen, gelesen und geschrieben, telefoniert … Nun habe ich das Glück, dass ich beruflich primär mit Garten- und Pflanzenthemen beschäftigt bin – aber noch nie habe ich mit Schreibtischarbeit tatsächlich so viel Zeit im Garten verbracht. Manch einer wunderte sich bei Telefonaten über die Hintergrundmusik von Vogelgezwitscher und sonstigen Gartengeräuschen – ich fand‘s herrlich und überaus inspirierend.

Aber dieses Frühjahr ist vergiftet. Draußen wütet ein Virus, der still und heimlich alles in Frage stellt, von dem wir meinten, es sei stabil und sicher, der weltweit Leben und wirtschaftliche Existenzen vernichtet. Es ist ernüchternd, wie labil unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem offensichtlich ist und es ist noch nicht abzusehen, welche Folgen diese Pandemie mittel- und langfristig haben wird. Aber wie in jeder Krise zeichnen sich auch Chancen ab. Weltweit ist der Energieverbrauch reduziert, der Kohlendioxidausstoß fällt in diesem Frühjahr stärker denn je. Die Erkenntnis macht sich breit, dass es nicht darum gehen kann, nach dem Lockdown so weiter zu machen wie bisher – im Großen wie im Kleinen. Die Globalisierung zeigt ihre Schattenseiten, der Klimawandel ist nach wie vor eine drängende Gefahr … Viele Menschen beantworten die Frage, was wirklich wichtig ist, heute anders als noch vor zwei Monaten. Ich bin sicher, viele Menschen haben ihr Haus und Garten – glücklich wer einen eigenen Garten hat – neu kennen und schätzen gelernt. Die Krokus-, Narzissen- und Tulpenblüte, die Clematis, die Daphnen und der Flieder, das Nacheinander im Austrieb der Bäume, nie habe ich das so intensiv wahrgenommen wie 2020. Ich habe das Knospen der Kiwi, die über meiner Arbeitszimmer-Terrasse wächst, täglich, um nicht zu sagen stündlich, verfolgt. Tatsächlich war in diesen Wochen der eigene Garten der sicherste und beste Ort, den man sich vorstellen konnte. Ohne Maske! und ohne doppelten Boden.

Peter Menke, geb. 1962, hat nach mehreren Jahren praktischer Arbeit als Baumschulgärtner in Deutschland und Frankreich an der Universität Hannover Gartenbau studiert. Berufliche Stationen führten ihn von der Marketingberatung zur PR. Seit 2002 arbeitet er als Journalist für grüne Themen und Geschäftsführer bei NED.WORK Agentur + Verlag in Düsseldorf. Seine Themen reichen vom öffentlichen Grün bis zu privaten Gärten und zur Innenraumbegrünung.

https://nedwork.de/

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