peter, bad homburg – germany

Auszug aus dem Corona Tagebuch eines Schlossgärtners

14.3.2020

Seit gestern werden die Maßnahmen bundesweit gegen den Coronavirus verstärkt. Für fünf Wochen wird die Schulpflicht in Hessen aufgehoben, Kindergärten bleiben ab Montag ebenfalls geschlossen. Die ersten Geburtstagsfeiern im Bekanntenkreis werden abgesagt.
Im Schloss werden sämtliche Veranstaltungen und Gruppenführungen storniert.
In Italien geht gar nichts mehr und die Straßen sind wie leergefegt.

19.3.2020

Mittlerweile wird das Leben von den Einschränkungen durch das Coronavirus geprägt. Werden die Menschen zwar angehalten zu Hause zu bleiben, so wundert man sich noch immer über die volle Stadt Bad Homburg und auch die vielen Besucher in unserem Schlosspark.
Erstaunlich auch die Vielzahl an älteren Leuten, zählen sie doch eindeutig zu den gefährdeten Gruppen.
Seit vorgestern ist bereits der Kleine Tannenwald und auch der Gustavsgarten in der landgräflichen Gartenlandschaft von der Stadt geschlossen worden. 
Frage mich, wann und ob auch unser Schlosspark geschlossen wird?
Bisher kam noch keine Anweisung aus der Direktion.

Die Bundeskanzlerin hält gestern sogar eine Ansprache im Fernsehen und ruft noch einmal alle Bürger zu entsprechenden Verhaltensregeln auf. Denke, es wird auf eine Ausgangssperre hinauslaufen.

Im Obergarten des Schlossparks haben wir die Orangerie geschlossen, in der unser Citrusbestand zur Sichtung durch die Besucher den Winter geöffnet ist. Und auch das Schaugewächshaus wird zugemacht.

Unsere Pausenzeiten werden in zwei Gruppen eingeteilt, die Arbeitszeiten sind nun gestaffelt.

Ist auch eine seltsame Stimmung zu spüren, so versuchen wir Gärtner doch unser Pensum beizubehalten und beginnen im Apfelquartier des Herrschaftlichen Obstgarten mit dem Obstschnitt und gehen im Obstgarten auch alle Rasenkanten mit dem Rasenkantenschneidepflug entlang.

Geliefert wird der gelbe und rote Kies für die Umfassung der Teppichbeete im Obergarten. Dazu haben wir in der vergangenen Woche den Rasen abgeschält und das Planum mit einem Flies abgedeckt.

Die Goethes Ruh bekommt einen ersten Pflegegang durch den Staudenbestand. 

Die Hydrangea macrophylla aus dem Seligenstädter Klostergarten pflanzen wir in die Senke des ehemaligen Karautschen Teichs. Die Pflanzen der Obstorangerie werden umgetopft und die Wurzeln zurückgeschnitten

Ab heute bleibt das Schlosscafé geschlossen. Es kommen immer weniger Gäste und auch die Ansteckungsgefahr für alle ist nicht zu unterschätzen.

20.3.2020

Öffnen die Parktore heute erst um kurz vor neun statt um sieben Uhr, nachdem wir uns in der Direktion nach den Vorgaben des Ministeriums für Kunst und Wissenschaft erkundigt haben. 

Dort möchte man die Parks und Gärten weiter geöffnet haben. Man hofft weiterhin auf die Vernunft der Bürger. Viel Erfolg.

Da das Wetter sehr warm ist, stellen wir einen Teil unserer Duftgeranien bereits auf den Verkaufswagen zum Verkauf. Gehen weg wie warme Semmeln, da ja nicht mehr viel käuflich zu erwerben ist.

Mit der 5 Mann – Rockn Roll Band gibt es keine wöchentlichen Proben mehr. Wir treffen uns vorgestern im weitläufigen Schlosshof zum vom Bassisten ergatterten Corona-Bier. Peinlichste Beachtung des 1,50-m-Abstands.

21.3.2020

Mit dem gestrigen Samstag kehrt nun richtige Ruhe ein. Die Menschen halten sich nach vielen Appellen endlich an die Verhaltensregeln und bleiben mehrheitlich Zuhause.

Im Park werden an den Toren die Verhaltenshinweise für unsere Anlagen angebracht, sich wegen des Virus nicht in größeren Gruppen als fünf Personen aufzuhalten.

Beim Rundgang durch den Schlosspark bemerke ich einmal mehr die ungewohnte Stille, von der man umgeben ist, auch wenn auf dem Hindenburgring noch viele Autos fahren. Doch schon allein der fehlende Flugverkehr, auch wenn er sich weit oben abspielt, entlastet das Lärmempfinden ungemein.

Beobachte Vögel, von denen ich meine, dass auch sie die Veränderungen spüren und sich an Stellen wagen, wo sie sonst nicht so schnell hingeflogen wären. Kann auch nur Einbildung sein.

Lasse mich, von meiner Frau angespornt, aber auch dem eigenen Trieb folgend, dazu überreden, aus dem Weißen Turm im Schlosshof um kurz vor sechs bei Sonnenuntergang `Ode an die Freude ´ mit dem Saxofon zu spielen. Erst mit einem mulmigen Gefühl, da es ja über die ganze zur Ruhe gekommenen Stadt zu hören ist, und dann mit dem weiten Blick hinaus bis Frankfurt mit immer mehr Enthusiasmus.

Nehme mir vor, es für die nächste Zeit zum allabendliche Ritual werden zu lassen.

Mit der Band wird am Abend geskypt und mit einer Flasche Bier in der Hand dem Rock´n Roll gehuldigt.

24.3.2020

Gehe am Vortag früh morgens zum Bankschalter und anschließend noch im REWE vorbei. Ergattere noch eine Packung mit Toilettenpapier, was in dieser Zeit seltsamerweise heiß begehrt ist. Papier mit Fußbällen bedruckt. 

Eine weitere Skypekonferenz. Diesmal gilt es zwei Geburtstagskinder zu feiern.

Mittlerweile hat der Virus das Leben auf fast dem gesamten Erdball zum Erliegen gebracht. Selbst in Amerika muss Herr Trump einsehen, das Ausmaß völlig unterschätzt zu haben. 

Ebenso werden die Briten auf dem falschen Fuß erwischt, da sie im Gesundheitswesen in den letzten Jahren ordentlich eingespart haben.

25.3.2020

Im Park reges Treiben aber mit ausreichend Abstand. Die Menschen freuen sich darüber, bei uns noch spazieren gehen zu können.

Im Obstgarten werden nun die Bäume im Mirabellenstück geschnitten, während die Baumpfleger die schon seit Jahren in der Krone ausgebrochene Fichte im Park entfernen, die bereits drei weitere Triebspitzen mit der Gefahr zum Ausbruch gebildet hatte. 

Zählen überraschend doch 90 Jahresringe. 

29.3.2020

Das Wetter zeigt sich in den letzten Tagen mit blauem Himmel und so pilgern die Menschen weiter in großen Mengen durch den Schlosspark. Viele Besucher weiterhin in ausgesprochener Dankbarkeit, da sie den wohnungsnahen Auslauf genießen können. Bin immer noch gespannt, wie lange die Öffnung des Parks aufrechterhalten bleiben kann. 

Wie unser Nachbar mit Haus in Italien erzählt, ist man dort wesentlich rigoroser.

Zu unserer Belohnung, ob der vielen Arbeit, bestellen wir beim Italiener in der weiteren Nachbarschaft Abholpizza. Das einzige, was noch geht. Erzeugen dort Freude und Solidarität, denn er ist froh über jede bestellte Pizza to go.

Im Park wird weiter Totholz aus den Bäumen geschnitten und die Beregnungsfirma kontrolliert und repariert, wo nötig, unsere Beregnungsanlagen, denn es wird Zeit, wieder überall den Pflanzen Wasser aus unserem eigenen Wasserwerk zukommen zulassen. Noch ein trockenes Jahr wie die beiden letzten und die Pandemie ist nicht mehr das alleinige Problem. Frage mich, wann es zur ersten uns zusätzlich, richtig stark treffenden Missernte aufgrund der zunehmenden Dürre kommt?

Im Mirabellenstück geht es an den Schnitt der letzten Bäume, der aber an einigen Bäumen zu stark ausfällt, sodass ich aufgrund der Erfahrungen durchaus Angst um das weitere gesunde Überleben einiger Bäume habe.

Whatever, die Zweige erfreuen sich auf jeden Fall bei den Besuchern großer Beliebtheit und werden gerne als Vasenschmuck für daheim mitgenommen.

Vor der Orangerie ebenfalls viele Besucher auf den Bänken, wo man aufpassen muss, dass sie nicht immer zu nah an uns herankommen, denn viele löchern uns mit Fragen zu den schönen Pflanzen im Garten. Ist die Orangerie bereits gesperrt, ist nun zu überlegen, auch den Bereich vor der Orangerie zu schließen.

Geöffnet bleibt für die Band am Donnerstagabend wieder der Schlosshof. Im Abstand wird die aktuelle Situation besprochen, aber kein Ausweg aus der Pandemie gefunden. Man muss die Situation wohl als absolut surreal beschreiben, denn das gab es wohl noch nie, dass das öffentliche und auch das private Leben auf so eine unsichtbare Art und Weise lahmgelegt wurde. Besonders in dieser Dimension. Nämlich weltweit. Und überall die gleichen Verhaltensregeln, auch wenn einige Länder, wie z. B. Amerika, erst später einsehen, sich ebenfalls den Regeln zu unterwerfen.

In Russland gewährt man der Bevölkerung eine Woche Urlaub. Was das gegen den Virus bringen soll, weiß man noch nicht.

31.3.2020

Die gestern gelieferten Gehölze sind bis heute Mittag gepflanzt.

Beginnen gestern mit den elf Pinus mugo mughus. Sie pflanzen wir um den neuen Weg und sie halten nicht mit ihrer Wirkung zurück. Hinzu kommen vier Viburnum burkwoodii, mit denen wir bereits gute Erfahrungen in den letzten Jahren mit dem Standort im Boskett gemacht haben.

Zwei Carpinus betulus kommen als Schattenspender für die Pieris japonica oberhalb der Kastanienallee. Die Pieris leiden jährlich an Wanzenbefall, der verstärkt an den sonnigen Standorten auftritt. Hatten diese Erfahrung bereits im Schlosspark Lembeck gemacht, wo die Rhododendronwanze sich natürlich an geschwächte und an Rhododendron in sonniger Lage heranmachten. Überhaupt passen die Carpinus auch pflanzensoziologisch dorthin.

Zwei Klaräpfel werden im herrschaftlichen Obstgarten ersetzt.

Mutig wird in der Fantasie gepflanzt. Dort haben wir in alten Plänen der Preußen von 1892 den Standort einer Blutbuche und einer Gleditsia gefunden. Sie standen auf der großen Wiese gegenüber dem Teehaus parallel zum unteren Weg zum Altbach. 

Am Nachmittag werden aus dem Taunusquarzitwerken im Köpperner Tal sieben größere Findlinge geholt, die noch zwischen den Bergkiefern am neuen Weg eingelassen werden.

Am Abend spielen erstmals zwei Schüler des Humboldtgymnasiums aus dem Weißen Turm mit Trompeten. Auch ein weiterer Saxofonist findet sich zum abendlichen Coronaspiel ein. 

Bei weiter sonnigem Wetter verkaufen sich die Duftpelargonien wie verrückt. Jedoch müssen sie am Abend immer wieder hereingeholt werden, da es in der Nacht bis -3°C kalt wird. 

Der Park wird weiterhin gut besucht und zunehmend mit den richtigen Abständen zueinander.

Im Laufe der entschleunigten Coronazeit finden sich immer mehr Musiker, die aus dem Weißen Turm am Abend spielen. Es können immer nur höchstens zwei Musiker hinauf zum Duett. Es singt auch eine Opernsängerin, es spielt ein Posaunist vom hr-Synfonieorchester, eine Geigerin aus London und an unbesetzten Tagen mache ich mich hoch.

Mit unserer Band `The Tulips´ wird ab April auf verschiedenen Balkonen, die groß genug sind, für zwanzig Minuten unplugged gespielt und dann die Bühne flott wieder verlassen, bevor ein Auflauf entsteht. Auch ein Garten wird zweimal für 15 Minuten bespielt.

Mittlerweile finden die Proben in einer großen Garage unplugged statt, wo der Abstand eingehalten werden kann.

Von einer Nachbarin bekam ich zum Dank für die allabendliche Musik ein kleines Fotoalbum vom Schlosspark und dem Turm. Die Dame freute sich jeden Abend über das kurze Konzert und sah zu, immer rechtzeitig zu Hause zu sein.

Der Schlosspark wurde immer offengehalten, nur für einige Tage haben wir nicht alle zehn Tore geöffnet. So nahmen wir den größten Druck aus dem Besucherstrom. 

Der Bereich vor der Orangerie wurde von uns geschlossen, da wir auch an uns Gärtner denken müssen.

Wir Gärtner werden nun wieder gemeinsam am Morgen die Arbeit beginnen und nacheinander die Umkleiden betreten. Die morgendliche Arbeitsabsprache fehlte allen und ließ den Arbeitsfluss manchmal stocken.

In der Zeit fanden viele Bad Homburger wieder in den Schlosspark, den sie lange nicht mehr betreten hatten. Auch das eine Erfahrung der neuen Zeit.

Familien mit Kleinkindern, ja Vater Mutter Kind, sah man im Vergleich zu früher viel häufiger. Dafür keine Kleinkindergruppen mehr mit Bollerwagen und Betreuungspersonen.

Das Müllaufkommen nahm rapide zu, da es Pizza nur im Karton zum Verzehr im nahen Schlosspark gab, und auch die Eisbecher kamen mit in den Park. Aber es kamen keine neuen Müllplätze hinzu. Es wurde alles zum Großteil zu den überlaufenden Mülleimern gebracht.

Gepflanzt wurden von uns trefflicherweise und mit Pressewirkung Lychnis coronaria.

Mittlerweile hat es auch ordentlich geregnet, der Rasen wächst und auch die Neuanpflanzungen gedeihen prächtig und erfüllen ihre Aufgabe, den Charakter des Schlossparks nach mehr als 250 Jahren weiter zu erhalten und das Schlosscafé hat wieder mit neuen Regeln geöffnet.

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