stefanie, göttingen – germany

Ich bin ein Kind der 70er Jahre und das Gärtnern steckt tief in meiner DNA: Schon meine Urgroßeltern (die ich mütterlicherseits noch kennen lernte), Großeltern und Eltern wuchsen mit Selbstversorgergärten oder eigener Landwirtschaft im Nebenerwerb auf. Und sie alle legten hinter ihren Wohnhäusern ganz selbstverständlich immer wieder Gärten mit Gemüsebeeten, Obstbäumen, Kaninchen- oder Hühnerställen an. Auch an die Haltung einer Sau, die zu Fuß quer durchs Dorf zum „Besuch“ des Ebers geführt wurde, kann ich mich noch erinnern.
Tierhaltung geschah mit einer innigen Bindung zum Nutztier. Es wurde gehegt und gut gepflegt bis zur notwendigen Schlachtung, Fleischerzeugung at it‘s best.
Als erstes Enkelkind einer späteren Großfamilie tapperte ich im Sommer barfuß über frisch gemähten Rasen, sammelte Gartenschnecken für Schneckenrennen mit den Nachbarskindern und aß sonnenwarme Erdbeeren direkt aus dem Beet oder pulte frische grüne Erbsen aus ihren Schoten.
Der Geruch von feuchter Erde nach einem ergiebigen Landregen, die zappelnden Mückenlarven in der Regentonne, nach Regenwürmern pickende Amseln, der Gesang der Gartenvögel am frühen Morgen und am späten Abend…all das ist mit so vielen positiven Gefühlen verbunden, dass ich ohne zu zögern mit Ausbruch der Corona-Pandemie hinter meinem Elternhaus umgehend wieder Gemüsebeete anlegte, Saatgut kaufte und meine Hände tief in die frisch umgegrabene Erde steckte.
Nur in diesen Momente konnte ich abschalten, die sich täglich überschlagenden und ängstigenden Nachrichten vergessen. Das Gärtnern wurde wieder zur therapeutischen Selbsthilfe. Wie schon damals, als meine Großeltern die Gräuel des Krieges zu vergessen suchten, so stellte ich instinktiv der real werdenden Todesangst Leben entgegen, indem ich fast täglich in der Erde grub, säte und pflanzte. Ich versuchte die Nachrichtenbilder in meinem Gehirn von Leichen in Kühlcontainern in New York, leeren Straßen in London, Berlin, Mailand und den Hamsterkäufen in den Supermärkten meiner kleinen Heimatstadt zu überschreiben, indem ich ganz bewusst Pflanzen beim Wachsen zusah und während ich den Boden umgrub Händel-Arien im Garten mittels einer kleinen Bluetooth-Box abspielte. Das Virus griff leise um sich und ich drehte die Lautstärke auf.
Was hätten meine Großeltern zu unseren heutigen Corona-Zeiten gesagt?
Ich spüre ihre Gegenwart, wenn ich bei meiner Gartenarbeit die selben in Würde gealterten Gartengeräte benutze, die auch sie schon in ihren Händen hielten.
Und dann sage ich zu mir selbst: Keep calm & garden on. Einfach weitermachen.
Morgen geht wieder die Sonne auf und dann überlege ich mir, wohin ich die nächsten Jungpflanzen setze und frage die Nachbarn, ob sie auch ein paar gebrauchen können.
„Im Garten wächst mehr, als man gesät hat.“

Ich bin 49 Jahre alt, Grundschullehrerin, habe eine Schwäche für Schnecken (nur die mit Häusern) und startete im März 2020 neben dem Gärtnern auch meine Homepage, um mir selbst vor Augen zu führen, wie alles wächst und gedeiht:
www.gartenschneck.de

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